
Dieses Essay vergleicht eine Figur, geschaffen von Alfred Döblin im Jahre 1913, mit Menschen aus unserem Zeitalter. Spoiler: Wir kommen dabei nicht gut weg.
Im Text Die Ermordung einer Butterblume von Alfred Döblin bleibt der Gehstock des Protagonisten, Michael Fischer, in einigen Pflanzen hängen. Nachdem Fischer erfolglos versucht hat, seinen Gehstock aus den Pflanzen zu befreien, wird er wütend und beginnt, auf das Gestrüpp einzuschlagen. Dabei erfährt er eine Psychose und fokussiert seine Perspektive auf eine Butterblume, der er den Blütenkopf abschlägt. Fischer personifiziert durch die Psychose die Butterblume und sieht seine Tat als Mord:
«In ihm starrte alles auf die wilde Erregung, sann entsetzt über die Blume, den gesunkenen Kopf, den blutenden Stiel.» (Döblin, 1913: S.65, Z.27-29)
Er möchte erste Hilfe für die Blume leisten, doch findet sie nicht wieder. In der Folge betrauert er die Blume mit kultähnlichem Verhalten. Er opfert ihr Speis und Trank und legt ihr ein Konto an. Die tote Blume verfolgt ihn im Alltag. Eines Tages spaziert Fischer dann wieder an der Stelle vorbei, an der er die Butterblume getötet hat. Ihm kommt der Gedanke, dass er zwei Butterblumen ausgraben könnte: eine Tochter und Schwester der Toten. Er setzt die Pflanzen bei sich zu Hause in einen Topf, hegt und pflegt sie. So hofft Fischer, seine Schuld gegenüber der ermordeten Butterblume zu kompensieren. Gleichzeitig hört er auf, dieser Speis und Trank zu opfern. Als eines Tages der Topf mit den Pflanzen kaputtgeht, ist er von seiner Schuld endgültig befreit und fühlt sich erleichtert. Doch anstelle aus seinem Fehler zu lernen, der ihn in diesen Abgrund gestürzt hat, sieht er sich als Gewinner des Konflikts. Seine Ignoranz verbietet es ihm nachträglich, aus seinem eigenen Fehler zu lernen.
Ich denke, naturignorante Menschen wie Fischer gibt es sicher auch heute. Da stellt sich die Frage: Wie würde ein moderner Fischer handeln und welche Probleme hätte er?
Schon zu Beginn wird klar, dass Fischer keine enge Beziehung zur Natur hat. Er selbst lebt lange in der Stadt und ist somit dem Umgang mit der Natur fremd. Als er dann beginnt, mit seinem Stock auf die Wiese einzuschlagen, merken wir, wie rücksichtslos sein Umgang ist.
Den modernen Fischer könnte man in den Leuten wiederfinden, die sich auch heute nicht gross an der Erhaltung der Natur interessieren. Nur zerstören die modernen Fischers nicht die Blumenwiese, oder wenigstens nicht direkt. Sie kaufen Lebensmittel oder andere Produkte, die in drei verschiedene Schichten aus Plastik verpackt sind. Und weil es zu anstrengend ist, die Verpackung in den nächstgelegenen Mülleimer zu werfen, spendet man die Plastikverpackung, die mindestens 20 Jahre braucht, um sich zu zersetzen, lieber der Natur. Wie Fischer, der lieber auf die Wiese einschlägt, anstatt den Spazierstock sorgfältig aus den Gräsern zu entwirren.

In der Folge wird Fischer aber seltsamerweise bewusst, dass er sich nun eines Verbrechens gegen die Natur schuldig gemacht hat. Dieses Schuldgefühl plagt ihn schwer.
«Wenn doch die Welt mit einem Seufzer untergangen wäre, damit der Blume das Maul gestopft sei. Ja, an Selbstmord dachte er, um diese Not endlich zu stillen.» (Döblin, 1913: S.74, Z.9-11)
Fischer hätte wohl so ziemlich alles gemacht, um dieses Schuldgefühl loszuwerden.
Wenn wir in die heutige Zeit zurückwechseln, könnte das wie folgt aussehen: Der moderne Fischer sieht eine Fernsehsendung über die Rettung eines Rehkitzes, welches sich in irgendwelchen Plastikabfällen verfangen hat. ‘Oh das arme Bambi!’ denkt sich nun der moderne Fischer und fühlt sich schon fast so, als hätte er Bambis Mutter erschossen.
Fischer versucht nun im nächsten Schritt, seine Schuld zu kompensieren, indem er die Mutter- und Tochterbutterblume in einen Topf setzt und bei sich zu Hause pflegt. Der moderne Fischer spendet vielleicht etwas an Hilfswerke oder klickt bei seiner Bestellung das Kästchen für Klimakompensation an. Hat zwar nichts mit Littering zu tun, hilft aber grundsätzlich immer dem Gewissen.
Zu guter Letzt, als Fischers Wirtschafterin den Topf mit den Blumen zerbricht, ist er von seiner Schuld befreit. Er vergisst all das Unheil, was seine Tat mit ihm angestellt hat. Fischer meint, er habe den Wald übertölpelt. Er erfährt einen neuen Höhenflug.
«Er konnte morden, so viel er wollte, er pfiff auf sämtliche Butterblumen.» (Döblin, 1913: S.77, Z.5-6)
Klar ist: Fischer lernt nichts aus alldem, was er vorher erlebt hat.
Der moderne Fischer braucht vielleicht keinen Anstoss, um von seiner Schuld befreit zu werden, vielleicht sind einige Rappen Klimakompensation bei der Bestellung genug. Vielleicht aber braucht es noch ein TikTok Video, in dem gesagt wird: «Wieso solltest du auf dein dreifach verpacktes Mittagessen verzichten, wenn andere doch viel grössere Umweltsünden begehen?»
‘So schlimm ist das doch nicht’, denken sich die modernen Fischers, währenddem sie am Waldrand entlanggehen und die PET-Flasche den Eichhörnchen zum Spielen geben.
Um nochmals auf die anfangs gestellte Frage zurückzukommen: Wie ein moderner Fischer handeln könnte, hoffe ich gut erläutert zu haben. Aber was für ein Problem hat so ein Fischer?
Döblin brachte es damals, 1913, schon in seiner Geschichte auf den Punkt: Die Fischers werden nicht aus ihren Fehlern lernen. Sie scheitern an ihrer Ignoranz. Sie sind lernunfähig, und sobald ihre Schuld kompensiert wurde, gehen sie wieder morden. Egal auf wessen Kosten, solange es nicht die eigenen sind.