Noémie Meier

(K)eine Wirklichkeit

18. Januar 2026

Ein Text darüber, wie sich eine Gesellschaft immer mehr von Fakten und Wahrheiten entfernt, darüber, wie die Literatur damit umgeht und was sie uns lehren kann.

In der literarischen Moderne wird der Kunst grundsätzlich die Fähigkeit abgesprochen, Wirklichkeit darzustellen. Das liegt daran, dass ein Grossteil der Gesellschaft nicht mehr an eine kohärente Wahrheit glaubt. Wissenschaftliche Theorien, wie Albert Einsteins Relativitätstheorie oder Freuds Psychoanalyse, lösen Verunsicherung aus und sorgen dafür, dass der Glaube an eine einheitliche Perspektive verschwindet. 

Ein Ansatz, der im Gegenteil zu der traditionellen Literatur steht. In traditionellen Erzählungen ist es stets das Ziel, die Wirklichkeit nachahmend darzustellen und zuletzt ein einheitliches Bild zu schaffen, in dem alle Puzzleteile zusammengehen. Ein gutes Beispiel wäre hier das Ende der Erzählung Ein Doppelgänger von Theodor Storm. Die Ehefrau Christine kann mit ihrer Vergangenheit abschliessen, an welche sie sich nur unvollständig erinnert. Im Verlauf lernen wir als Lesende, was genau passiert ist. Zuletzt erfährt auch Christine die Wahrheit über ihre Vergangenheit. Die Ungewissenheit, die sie plagte kann sie so ablegen. Die Pointe der Geschichte besteht also darin, dass alles gut ist, weil nun alle Puzzleteile zusammenpassen.

Im Text «Ermordung einer Butterblume» von Alfred Döblin, den wir im Unterricht besprochen haben, sehen wir den Unterschied besonders gut an dem Erzähler und Protagonisten Michael Fischer. Seine Erzählungen widersprechen sich teils gegenseitig und es kommt in den Lesenden das Gefühl auf, dass vielleicht seine Erzählungen nicht der Wirklichkeit entsprechen. Ob es wirklich so ist, bleibt aber unklar. 

Auch in dem bekannten Fragment Der Process von Franz Kafka spürt man, wie die Darstellung einer einzigen Wirklichkeit bröckelt. Dem Protagonisten Josef K wird ein Prozess gemacht, wobei wir im Verlauf immer mehr Hinweise dafür erhalten, dass es sich um den internen Prozess eines Schuldeingeständnisses handelt. Um welche Schuld es sich handelt, bleibt bis zum Ende ungesagt, Kafka lässt den Raum für Deutung offen. Während der Erzählung widerspricht sich der Protagonist K andauernd, meist wenn es um sein Schuldgefühl geht. K sagt oder tut Dinge, die uns eindeutig an seiner Unschuld zweifeln lassen. Im nächsten Satz beteuert er wieder seine Unschuld. 

[…] »Der Staatsanwalt Hasterer ist mein guter Freund», sagte er, »kann ich ihm telephonieren?« »Gewiss«, sagte der Aufseher, »aber ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte, es müsste denn sein, dass Sie irgendeine private Angelegenheit mit ihm zu besprechen haben.«  »Welchen Sinn?« rief K. mehr bestürzt, als geärgert. »Wer sind Sie denn? Sie wollen einen Sinn und führen das Sinnloseste auf was es gibt? Ist es nicht zum Steinerweichen? Die Herren haben mich zuerst überfallen und jetzt sitzen oder stehn sie hier herum und lassen mich vor Ihnen die hohe Schule reiten. Welchen Sinn es hätte, an einen Staatsanwalt zu telephonieren, wenn ich angeblich verhaftet bin? Gut, ich werde nicht telephonieren.« »Aber doch«, sagte der Aufseher und streckte die Hand zum Vorzimmer aus, wo das Telephon war, »bitte telephonieren Sie doch.« »Nein, ich will nicht mehr« […] [1]

Es handelt sich um einen Textabschnitt ganz am Anfang des Werkes der Process. Josef K wurde gerade verhaftet und weiss noch nicht, was nun mit ihm geschehen wird. Da hat er einen logischen Gedanken, den Staatsanwalt anzurufen. Welchen Grund hätte er aber, es dann doch nicht zu tun, wenn er unschuldig wäre? Was ist nun die Wirklichkeit? Es handelt sich um einen eindeutigen Widerspruch in der Figur Ks und einen Hinweis für Lesende genauer aufzupassen. Diese Signale nennt man auch Erzählersignale. Sie sollen den Lesern etwas mitteilen, stammen jedoch nicht von dem Erzähler, in diesem Fall K, sondern vom Autor, in diesem Fall Kafka. Kafka will, dass uns als Leser auffällt, dass es eine Schuld gibt. 

Da diese Signale einen Widerspruch zu anderen Geschehnissen oder Aussagen darstellen, werden Lesende aufmerksamer und beginnen, die Erzählung als Konstruktion zu erkennen. Die Wirkungsabsicht, die dahintersteckt, ist, dass die Lesenden den Erzählungen nicht mehr trauen und alles Geschriebene kritisch hinterfragen. Die Fähigkeit, Gelesenes kritisch zu hinterfragen, ist damals wie heute eine wichtige Fähigkeit und wird an Schulen unter dem Begriff Medienkompetenz gelehrt. 

Medienkompetenz beschreibt die Fähigkeit, Medien und deren Inhalte sachkundig, kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen. Um die heutige Relevanz dieser Fähigkeit genauer zu erläutern, schauen wir uns im nächsten Teil des Blogeintrags Medienkompetenz am Beispiel des Journalismus an.

Verschmelzung von Meinung und Fakt

Berichterstattung bekommt mehr und mehr einen anderen Stellenwert. 

Berichte sind eigentlich faktenbasierte Erzählungen von einem Ereignis. Deshalb gibt es in den meisten traditionellen Medienhäusern eine lange Reihe an Kontrollen und Schritten, die ein Artikel durchlaufen muss, bevor er veröffentlicht wird. Die Fakten werden zuerst geprüft, dann überprüft, analysiert, in einen Zusammenhang gestellt und erklärt. Der letzte, fakultative Teil, wäre dann noch ein Kommentar zu dem Ereignis, welcher als subjektiv zu verstehen ist. [2] Diese lange Kette an Schritten, die ein Artikel durchlaufen sollte, kostet Zeit und Geld, etwas, an dem es den Medienhäusern mehr und mehr mangelt. Die Konkurrenz der sozialen Medien mit ihren Nutzern hat keine Fakten-Überprüfungsmechanismen. Grundsätzlich kann jede:r posten, was er oder sie will. Am besten laufen die Posts, die besonders plakativ gestaltet sind und deshalb viel Aufmerksamkeit erzeugen. Subjektive Posts, die überwiegend ein Ereignis kommentieren, erreichen noch mehr User. Die Nutzenden äussern ihre eigenen Meinungen, und sind diese Meinungen polarisierend, werden sie besonders häufig angeklickt. Sie werden von dem Algorithmus immer mehr Leuten angezeigt und so erhalten die Posts mehr Aufmerksamkeit. 

Auf den sozialen Medien gilt das Prinzip: Wer Aufmerksamkeit erregt, ist wichtig. 

Abbildung 1: Traditionelle Medien, vor allem Print-Ausgaben, verlieren an Bedeutung. (Eigene Fotografie)

Um konkurrenzfähiger zu bleiben, versuchen die Medienhäuser nun, das Rezept der sozialen Medien zu imitieren. Sie werden in der Tendenz plakativer und subjektiver. Zudem können sie mit der Geschwindigkeit der sozialen Medien nicht mithalten. Deshalb wird versucht, schneller zu werden, indem die Faktenprüfungskette gekürzt wird. Durch die Verwendung von textgenerierender KI nimmt dieser Trend noch mehr zu. 

Die Artikel bestehen aus verkürzten Berichten und mehr Kommentaren. So verschwimmen die Grenzen zwischen Kommentar und Bericht immer mehr. Eine «richtige» Wahrheit, oder man könnte sagen die Darstellung einer Wirklichkeit, gibt es nicht mehr. Wir werden nur noch mit tausenden Meinungen konfrontiert. 

In der Politik gibt es Stimmen, die genau das wollen. So hat Steve Bannon, der ehemalige politische Strategie-Berater von Donald Trump, gesagt:

«[…] flood the zone with shit».[3]

Man solle die Medien mit Müll überfluten, sodass nicht mehr erkennbar ist, was wichtig oder was wahr ist. Auch ist die Rede von alternativen Fakten. 

Nicht nur Trump, auch andere Politiker:innen versuchen durch Verbreitung von Meinungsjournalismus oder schlicht von Unwahrheiten, den Diskurs für sich zu gewinnen. Deswegen ist Medienkompetenz so wichtig und deswegen sollten wir Texte kritisch und distanziert lesen können. Wir leben in einer postfaktischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Fakten nicht mehr gelten lässt.