Noémie Meier

Aus Gewalt wird Kunst

17. April 2026

Dieser Blogeintrag beschäftigt sich mit dem Ursprung der griechischen Tragödie

Bevor wir uns mit dem Ursprung der Tragödie beschäftigen, sollten zuerst einige Grundlagen zu der Kunstgattung Tragödie geklärt werden. Eine ‘klassische’ Tragödie nach der Poetik des Aristoteles ahmt grundsätzlich etwas nach. Man spricht hierbei auch von der mimetischen Funktion von Literatur. Der Gegenstand der Nachahmung in antiken Tragödien ist dabei meist die Geschichte eines tragischen Helden. Dieser Held ist überdurchschnittlich, hat jedoch einen fehlerhaften Charakterzug, welcher sich zu Beginn aber nicht zeigt. So entsteht eine Fallhöhe. Dieser Charakterzug bringt den Helden im Verlauf der Geschichte dazu, einen Fehler zu begehen. Dieser begangene Fehler führt dann den Fall des Helden herbei. Die ganze Geschichte wird in drei Akten gezeigt. Der erste Akt stellt hierbei die Exposition dar, in welcher man die genaueren Umstände und allfälliges Hintergrundwissen vermittelt bekommt. Im zweiten Akt entfaltet sich dann der Konflikt, welcher dann im letzten Akt in der Katastrophe bzw. dem Fall des Helden mündet.

Das Publikum erlebt laut Aristoteles durch die Betrachtung des Falles Mitleid mit dem Helden und auch Angst, ihnen könnte etwas Ähnliches passieren. Das funktioniert besonders gut, weil das Theater ja etwas dem Publikum Bekanntes nachahmt. Die Angst davor, einem könne dasselbe Schicksal widerfahren, reinige das Publikum vor den Affekten, die den Fall des Helden in der Tragödie an erster Stelle ausgelöst haben. Die Zuschauer nehmen sich vor, sich tugendhaft zu verhalten, um ein ähnliches Schicksal zu vermeiden. Diesen Effekt bezeichnet Aristoteles als die Katharsis.

Im antiken Griechenland wurden die Dramen im Übrigen ganz anders aufgeführt, als wir uns das heute von Vorführungen von Bühnen Bern gewohnt sind. Das beginnt schon beim Aufbau der Bühne. Vor der Bühne gab es eine Tanzfläche, meistens kreis- oder halbkreisförmig. Auf dieser stand der Chor. Eine Instanz, welche meist singend das Geschehene kommentiert und so dem Publikum eine Stütze bietet, wie das Dargestellte aufzufassen ist. Zudem gibt der Chor dem Publikum manchmal auch noch wichtige Informationen über Geschehnisse, die in der Vergangenheit liegen oder sich weit weg abspielen und so auf der Bühne nicht darstellbar sind. Diese Informationen, die der Chor vermittelt, sind essenziell für das Verständnis der dargestellten Tragödie. Erst hinter der Tanzfläche kommt die tatsächliche Bühne. Auf dieser sprechen die Darsteller Dialoge und treiben die Handlung darstellend voran.

Abbildung 1: Grundriss des Theaters in Epidauros

Bockgesang

In einem zweiten Schritt wollen wir uns nun mit dem Ursprung der Tragödie beschäftigen. Hierzu beginnen wir am besten bei der Bedeutung des Wortes: Der Begriff Tragödie hat seinen Ursprung im griechischen Wort tragoidía. Das setzt sich wiederum zusammen aus den beiden Worten:

Zusammen ergeben diese Begriffe tragoidía, oder eben auf Deutsch: Bockgesang.

Bockgesang beschreibt den Gesang, der bei der Opferung oder Opfergabe eines Ziegenbocks angestummen wurde, und hat somit eine rituelle Bedeutung. Schon allein die Wortherkunft gibt also einen Hinweis auf den Ursprung der griechischen Tragödie.

Abbildung 2: Ein Ziegenbock

Der tötende Mensch

Walter Burkert beschäftigte sich unter anderem in seinem Buch Homo Necans mit seiner Theorie des Ursprungs der griechischen Tragödie. Homo Necans bedeutet so viel wie: der tötende Mensch. Daher liegt nahe, dass seine Theorie auch auf dem Grundsatz basiert, dass jeder Mensch ein gewisses Aggressions- oder Gewaltpotential in sich trägt. In der Zeit der Jäger und Sammler entluden die Menschen dieses Potenzial an Gewalt bei der Jagd. Sie gingen in einer Gruppe gemeinsam auf die Jagd nach einem grösseren Feind, dem gejagten Tier. Dabei konnte die Gewalt gezielt an dem Tier ausgelassen werden, wie eine Art Ventil. Zudem stärkte sich dadurch der Gruppenzusammenhalt der Jäger, da es sich um eine kollektive Entladung handelte.

Durch das Sesshaft-Werden der Menschen blieb aber zunehmend die Jagderfahrung aus und das Gewaltpotential musste ein anderes Ventil finden. Die Jagderfahrung wurde künstlich hergestellt, um das Gewaltpotential klein zu halten. Aus diesem Grund wurden Opferungen inszeniert, in der zu Beginn sogar noch Menschen und mit der Zeit dann Tiere, eingebettet in ein Ritual, hingerichtet wurden. Ein Priester tötete das Opfer dann stellvertretend für die Gemeinschaft, welche den Vorgang selbst meist durch rhythmische Gesänge begleitete. Die Begründungen für die Opfergabe wurden meist in mythologische oder religiöse Erzählungen gepackt, um die Tötung legitimieren zu können.

Durch zivilisatorischen Fortschritt, so Burkert, wurde die inszenierte Opfergabe durch die Tragödie ersetzt. Die Tragödie gleicht in ihrer Struktur stark dem Opferritual und hat dieses manchmal sogar zum Thema. Das Opfer gleicht dem tragischen Helden. Beide kommen jeweils zu Fall, entweder durch einen Priester (Opferritual) oder den Antagonisten (Tragödie). In beiden Fällen haben wir eine reagierende Instanz. Bei der Opfergabe ist es die Gemeinschaft, die dem Ritual beiwohnt und sie begleitet. In der Tragödie ist es der Chor, der durch seine Gesänge die Tragödie begleitet, kommentiert und erklärt.

Aus Sicht von Walter Burkerts Theorie ist also die Tragödie eine Art Abstraktion des Opferrituals und versucht, dieses zu ersetzen, damit das Gewaltpotential in einer Gesellschaft sinkt. Im Gegensatz zum antiken Griechenland besuchen heute die Leute weniger das Theater. Kollektive Entladungserfahrungen gibt es aber heute immer noch. Sie treten zu Tage als Fussballspiele, Konzerte und noch mehr.